mit Walter Becker:

      Über die Kunst der Interpretation im Tango

       

      Herr Becker, Sie sind Tangosänger, Schauspieler und Komponist,

      Sie leiten das Kulturzentrum La Républica del Tango und unterrichten an der

      Schauspielschule CreArte.

      Wieviel Raum nimmt der Gesang in Ihrem täglichen Leben ein?

       

        Obwohl ich ziemlich ausgelastet bin, übe ich regelmäßig zweimal am Tag.

        Ich habe in Argentinien eine Gesangsausbildung absolviert und unterrichte

        deshalb zusätzlich Schauspielschüler der Schauspielschule CreArte in Gesang.

        Für einen Tangosänger ist eine Gesangsausbildung ungewöhnlich, da er in der

        Regel vor allem Wert auf das Singen legt und manchmal selbst das Üben mit

        anderen Musikern ablehnt.

        Für ihn steht der Ausdruck, das Gefühl an erster Stelle und nicht die korrekte

        Intonation des Tones.

       

      Es gibt also weder hier noch in Argentinien eine Gesangsausbildung zum Tangosänger?

       

        Nein. Es gibt ein paar Sänger mit klassischer Gesangsausbildung, doch sie sind die

        Ausnahme. Früher war Singen einfach ein allgemeiner Volksausdruck ohne Theorie,

        da hat man seine Stimme nicht geschont.

        Neulich ist hier der Sänger Héctor Omar aufgetreten und er glaubt, wie viele der
        alten Sänger, daß der Gesangsunterricht den Tango getötet hat.

        Obwohl das größte Idol, Carlos Gardel, auch eine Gesangsausbildung hatte.

        Neuem stand man da im Tango schon immer mißtrauisch gegenüber

       

      Sie sind also erst nach Ihrer klassischen Ausbildung zum Tangosingen gekommen?

       

        Ich habe die klassische Ausbildung abgebrochen, weil das nicht der richtige Weg

        für mich war. Ich habe mich immer für die volksnahe Musik interessiert und Klassik

        ist alles andere als volksnah, in Argentinien noch weniger als in Deutschland.

        Ich habe bewußt abgebrochen, das war für mich sehr schmerzhaft.

        Viele hatten mir davon abgeraten, da man ohne Theorie auf eine ganz andere

        Weise interpretiert und viel weniger vorbelastet ist. Mit einer halb ausgebildeten

        Stimme, prophezeite man mir, würde ich keine Tangos singen können.

        Ich mußte mich also sehr umstellen, Teile der klassischen Singtechnik weglassen,

        um überhaupt die Tiefe zu erreichen, die im Tango steckt.

        Das ist nicht mit Gesangskunst zu erreichen, dazu muß man in ganz andere Bereiche

        vordringen.

       

      In Deutschland ist ja vor allem der Tango als Tanz bekannt. Ist es da nicht schwer, den Gesang

      in seiner Bedeutung zu verbreiten und einem Publikum verständlich zu machen, das weder die

      Sprache versteht, noch den gesellschaftlichen Hintergrund kennt?

       

        Es war wirklich sehr schwer und ich mußte mir dafür einen neuen Stil aneignen.

        Sicher half mir dabei meine Schauspielausbildung. Dadurch kann ich etwas vermitteln,

        daß durch den Gesang allein nicht möglich wäre.

        Ich arbeite an einer universellen Sprache, die allen verständlich ist.

        Die Zuschauer spüren eine gewisse Tiefe über die sprachlichen Hindernisse hinweg.

        Im Tango gibt es ja immer mindstens zwei Ebenen.

        Die melodische, der italienische Anteil ist am leichtesten zu verstehen, die anderen Ebenen

        sind sehr komplex. Beim Versuch, diese vorrangig zu vermitteln, bekommt man Schwierigkeiten,

        wenn das Publikum nicht vorgebildet ist und davon muß man ausgehen.

        Ich glaube, daran sind viele Argentinier gescheitert.

       

      Sie versuchen also vor allem über die Melodie den Inhalt des Tangos zu vermitteln?

       

        Die Übertragung des Gefühls hat für mich mehr Gewicht als das Verstehen der Texte.

        Denn die Leute verbinden hier mit dem Tango ja immer noch den deutschen, fröhlichen

        Tango der 20er und 30er Jahre, der mit Schwermütigkeit nichts zu tun hat.

        Oder sie assoziieren mit Tango Astor Piazzolas und der macht ja auch nur einen Teil des

        Tangos aus.

        Über die Melodie möchte ich das Gefühl erreichen und wenn ich das Publikum darüber

        hinaus anspreche, ist das erfreulich, aber für mich keine Bedingung.

        Wenn mir jemand sagt:“ Bei dem Wort Buenos Aires habe ich etwas empfunden“, dann

        war ich erfolgreich, egal ob er die Bedeutung, die ich damit verbinde, genau verstanden hat.

       

      Gibt es denn in Deutschland eine eigene, eine deutsche Tangoentwicklung?

       

        Nein, dafür gibt es zu wenige Komponisten. Wenn jemand komponiert, dann tut er es

        meistens im Stil von ..., etwa im Stil von Pugliese oder im Stil von Piazzola.

        Das Problem der Musiker in Deutschland ist, daß sie immer mit den größten Interpreten

        konkurieren müssen, die die Leute auf CD hören. Das ging mir genauso.

        Wenn hier jemand gesungene Tangos hört, waren sie meistens von Carlos Gardel und

        dementsprechend waren an mich die Erwartungen.

        Da mußte ich dann schon fragen, wen sie eigentlich hören wollten: Gardel oder Becker?

        Darüber hinaus gibt es wenig neue Tangos und die Zuhörer sind auf die alten Stücke eingestellt.

        Da unterstellen mir die Leute dann schon eine gewisse Bösartigkeit, weil ich bestimmte Stücke

        nicht singe. Ich werde dann gefragt, warum ich nicht „Adios muchachos“ oder „La Cumparsita“

        oder „El Choclo“ singe.

       

      Werden Sie also auf Argentinien zurückgeworfen?

       

        Die Musiker in Buenos Aires haben es genauso schwer, wenn sie einen eigenen Weg

        einschlagen wollen.

       

      Nun sind Sie ja auch Komponist und schreiben eigene Stücke. Ich habe den Eindruck, daß Sie

      mit Ihren Stücken und Ihrer Interpretation eigenen Wege gehen, indem Sie moderne Impulse

      einbringen. Daß Sie zu der Traurigkeit und der Melancholie der Texte neue Aspekte hinzufügen.

      Manchmal klingt es eher wie eine Liebeserklärung an den Tango, als die unmittelbare

      Interpretation.   Wie ist denn die Reaktion darauf?

       

        Ich arbeite oft mit der Gruppe „El Tranvia“ zusammen, die sehr moderne Tangos spielt.

        Da muß man vor Konzertbeginn zuerst die Erwartungen der Zuhörer abbauen.

        Wenn wir unser Programm als „Tango nuevo“ oder „Tango moderno“ ankündigen, dann

        erwarten die meisten

        Piazzola und wenn wir nur Tangos ankündigen, ein tradionelles Programm.

        Seit 7 Jahren beschäftigen wir uns mit diesem Problem und immer wieder kreisen wir um

        die Frage: “Ist es Tango oder keiner?“.

        Meine selbst komponierten Tangos sind auf einer Platte, die hier noch nicht veröffentlicht

        wurde. Ich glaube, daß ich sie unbewußt nicht vorgestellt habe, weil ich befürchte, auf

        Widerstand zu stoßen.

       

      Was ist denn das Entscheidende am Tango?

       

        Ich denke, daß er Gefühle von Menschen ausdrückt, die sie nicht aussprechen können,

        wie etwa Melancholie oder Liebe. Der Tango läßt sich nicht einfach auf einen Rhythmus

        reduzieren.

        Ausschlaggebend ist dafür der Inhalt und Gefühlsausdruck.

        Piazzola hat zum beispielsweise viele reine Instrumentalmusik geschrieben und trotzdem

        hat er diese Stimmung ausgedrückt.

        Auch heute gibt es noch das Bedürfnis der Menschen, über das Lied wirklich das

        mitzuteilen, was sie sonst nicht ausdrücken können.

       

      In vielen Thema spielt ja das Thema Heimatlosigkeit eine Rolle. Hat dieser Aspekt für Sie eine

      Bedeutung in Deutschland bekommen? Ist das ein Aspekt, in dem Sie sich wiederfinden, den Sie

      in die Tangos einfließen lassen?

       

        Ich singe bewußt keine Tangos von Heimatlosigkeit, weil ich versuche, diesem Thema in

        mir nicht soviel Raum zu geben. Und trotzdem ist es immer präsent und das spürt man auch.

        Dabei habe ich von der Familie diese Melancholie als Ausdrucksform garnicht kennengelernt.

        Mein Eltern sind nach Argentinien ausgewanderte Donauschwaben.

        Mein Vater hörte Märsche und Schlager und lehnte Tangos ab.

        Trotzdem hat mich die Melancholie geprägt, da sie mit der Geschichte der Migranten

        zusammenhängt. Die haben meine Eltern erlebt, und ich jetzt doppelt: als Sohn von

        Migranten und als Migrant in Deutschland.

       

      Deutsche Musiker werden immer wieder mit der These konfrontiert, daß Nichtargentinier den Tango

      wohl spielen, ihn aber nie ganz verstehen und das Gefühl nicht nachvollziehen können.

       

        Ich glaube, es liegt an etwas anderem. Man muß zwischen Musikern unterscheiden können,

        die den Tango imitieren und solchen, die ernsthaft versuchen, sich mit ihm auseinanderzusetzen.

        Wenn man imitiert, hat man immer ein besseres Vorbild, mit dem man verglichen wird.

        Meiner Meinung nach kann ein deutscher Bandoneónspieler nie wie einer aus Argentinien klingen.

        Wie sollte er auch?

        Die paar wirklich guten deutschen Bandoneónisten, die ich kenne, haben über Beherrschung ihres

        Instrumentes hinaus zu einen ganz idividuellen Ausdruck gefunden. Das überzeugt mich.

        Ich glaube, so langsam verstehen das die Musiker.

        Das gilt übrigens auch für die argentinischen Musiker, die klassische Musikstücke spielen.

       

      Die Musiker sollen also heute neue Aspekte und neues Gefühl in den Tango bringen?

       

        Sie sollten das Ganze als Experiment verstehen und sich an Neues heranwagen, auch

        wenn es schwierig ist.

        Denn obwohl europäische Musiker ihr Instrument genauso gut oder sogar besser
        beherrschen als die Argentinier bleibt die Musik selbst hohl.

        Auffällig ist in Deutschland, daß ausschließlich nach Noten gespielt wird.

        Das ist im Tango eher hinderlich.

         

        Denn was macht den Tango eigentlich aus: hohe Präzision und das Spielen jeder Note ?

        Der Tango sollte nicht als unbefleckte Kunst verstanden werden, man muß sich dabei

        die Hände schmutzig machen, ausprobieren und neue Wege gehen.

       

      Das Interview wurde geführt von Isabell Fischer (*1972). Sie studierte an der Universität Hildesheim Kulturwissenschaften und Ästhtische Praxis mit dem Studienschwerpunkt Musik, ihre Diplomarbeit schrieb sie im Bereich Kulturjournalismus über die Tangoscene in Stuttgart

      Quelle:Tango Danza, Nr. 3, 3. Jahrgang (www.tangodanza.de)

      © Tango Danza

      Vielen Dank für die Erlaubnis, den Artikel im Internet-Auftritt der „Republica del Tango“ veröffentlichen zu dürfen.

       

       

       


       

        ©  Konzept und Realisierung      Frank Hoppe      www.frank-hoppe.com

       


       

       

       

       

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